Lehr- und Lernverhalten

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Kurzdefinition:
Ergebnisse der Lehr-Lernforschung belegen, dass Lehr- und Lernverhalten eng miteinander verbunden sind und sich gegenseitig moderieren (vgl. Huber 1993). Besonders wird das jeweilige Verhalten durch die eigenen Erfahrungen der persönlichen Bildungsbiographie geprägt. Nold (1992) bezeichnet den üblichen Status-quo als Übermittlungsstrategie, der den Lernenden zum passiven Element im Lehr-Lern-Prozess deklariert. Jedoch erfordern moderne Werte und Lerntheorien ein eigenständiges, auf Selbstätigkeit beruhendes Lernverständnis. Damit verändert sich die Rolle des Lehrenden und die daraus resultierenden Lehr-Lern-Strategie.
Beschreibung:
Der Begriff Didaktik wird bisher weitgehend mit Lehre gleichgesetzt, da er eine schulpädagogische Tradition hat. Damit aber ein erfolgreicher Unterricht und erfolgreiches Lernen zustande kommt, ist eine umfassende didaktische Vorarbeit und das Schaffen didaktischer Rahmenbedingungen sicherzustellen (vgl. Goetz 2007, S. 36). Insbesondere im Zusammenhang mit der Übertragung des Konstruktivismus auf die Didaktik mit einem subjektwissenschaftlichen Bezug der Lerntheorien, intensivierte sich das Interesse am Lehr- und Lernverhalten. Es geht dabei einerseits um die theoretischen Begründungen didaktischer Konzepte und auf der anderen Seite um die konkrete Umsetzung als didaktisches Handeln der Lehrenden.

Die Didaktikforschung nimmt dabei zunächst den konstruktivistischen Trend auf, lebenslang, möglich selbstbestimmt, selbstgesteuert und selbstorganisiert zu lernen – gleichzeitig aber die Lehrenden nicht zu entbinden, da auf mikro- und makrodidaktischer Ebene institutionalisierte und organisierte Lernunterstützung notwendig ist.

Dies ergibt sich insbesondere aus einem Lernverständnis, das Lernen mit zwei Prozesstypen versteht: einen externen Interaktionsprozess zwischen Lernenden und sozialer bzw. materieller Umwelt als Aktivitäten, die der Lernende unternimmt sowie einen internen psychologischen Aneignungs- und Verarbeitungsprozess. In diesen Typen sind drei Dimensionen als ein Dreieck von Kognition, Emotion und Umgebung verankert (Illeris 2006, S. 31):

  • Kognitive Dimension als Wissen und Fertigkeiten.
  • Emotionale Dimension als Motive und Gefühle.
  • Soziale Dimension als Kommunikation und Kooperation.

Abbildung: Lernverständnis.

Quelle: Illeris 2006, S. 31

Die Bedeutung dieses Lernverständnisses liegt darin, dass keine Trennung von Lernen, Persönlichkeitsentwicklung, Sozialisation, Qualifikation o.ä. gemacht werden kann, sondern Lernen aus verschiedenen Perspektiven betrachtet wird. Damit ist Lernen mehr als ein interner psychologischer Prozess und für didaktische Bemühungen von zentraler Bedeutung. Lehre benötigt hierzu didaktische Regeln, die lerner-, inhalts- und kontextspezifisch differenziert werden muss (vgl. Nuissl 2006, S. 222ff.).

Holzkamp (1996, S. 21ff.) spricht hier von einem Lehrlernkurzschluss, wonach das, was Lehrende lehren und Lernende lernen, in zwei verschiedenen Welten liegt. Gemäß einer subjektwissenschaftlichen Perspektive versteht er Lernen als Aktivität in einer Aneignungsperspektive, wobei es immer eine Diskrepanz zwischen anzueignenden Gegenstand und des Bedeutungszusammenhanges für das Individuum gibt. Denn die Diskrepanz ergibt sich aus der Situativität, in der sich der Lerner befindet: Er setzt alles in seinen spezifischen Kontext und seine spezifische Biographie.

Mit diesem Lernverständnis können das Lehr- und Lernverhalten als sogenannte Lehr-Lern-Strategien gestaltet werden. Diese können sich an den jeweiligen Lehr- und Lernstilen orientieren und so didaktische Arrangements ergeben wie zum Beispiel affektives Lernen, handlungsorientiertes Lernen oder Beobachtungslernen. Der Erfolg dieser Lehr-Lern-Strategien kann dann entsprechend durch Lehrende verbessert werden, wenn sie geschickt und taktvoll entsprechende Medien als Selektionsverstärker nutzen wie z.B. Vertrauen, Glaubwürdigkeit, Liebe, Humor, Echtheit, Professionalität oder Gesprächsführung.

Interne Verweise:
Didaktische Handlungsebenen

Didaktische Struktur und Entscheidungsebenen

Ermöglichungsdidaktik

Medientypen

Legende:
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Verwendete Quellen:
Goetz, N.B.: Das dialogische Lernmodell. Grundlagen und Erfahrungen zur Einführung einer komplexen didaktischen Innovation in den gymnasialen Unterricht. München: Meidenbauer Verlagsbuchhandlung. 2007.

 

Holzkamp, K.: Wider den Lehr-Lern-Kurzschluß. In: Arnold, R. (Hrsg.): Lebendiges Lernen. Baltmannsweiler: Schneider Verlag.  S. 21-30, 1996.

 

Illeris, K.: Das „Lerndreieck“. Rahmenkonzept für ein übergreifendes Verständnis vom menschlichen Lernen. In: Nuissl, Ekkehard von Rein (Hrsg.): Vom Lernen zum Lehren. Lern- und Lehrforschung für die Weiterbildung. Bielefeld: W. Bertelsmann. S. 29-41, 2006.

 

Nuissl, E.: Vom Lernen Erwachsener. In: Nuissl, E. (Hrsg.): Vom Lernen zum Lehren. Lehr- Lernforschung für die Weiterbildung. Bertelsmann Verlag: Bielefeld. S. 217-232, 2006.

Weiterführende Literatur:
Klein, I.: Gruppen. Leiten. Lernen. Didaktik und Praxis der Ausbildung. München: J. Pfeiffer. 1992.

Moriz, W.: Unterrichtswissenschaften. Theorien des Lehrens und Lernens und berufspädagogische Handlungskompetenz. Norderstedt: Books on demand. 2007.

Nold, G. (Hrsg.): Lernbedingungen und Lernstrategien. Tübingen: Gunter Narr Verlag. 1992

Ott, B.: Grundlagen des beruflichen Lernens und Lehrens: Ganzheitliches Lernen in der beruflichen Bildung. Berlin: Cornelson. 1997.

Quilling, E. & Nicolini, H.J.: Erfolgreiche Seminargestaltung. Strategien und Methoden in der Erwachsenenbildung. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften. 2007.

Internetverweise:
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Krapf – Neue Lehr- und Lernformen

Ritter-Mamczek, B.: Ausbildung aber richtig: Lehr- und Lernmethoden in der/für die Ausbildung

Materialien:
Lehr- und Lernverhalten

Verantwortlich: Rolf Arnold, FB Pädagogik, TU Kaiserslautern und Thomas Prescher;

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