Praktisches Lernen

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Kurzdefinition:
Das Unterrichtskonzept »Praktisches Lernen« zielt auf den Erwerb neuen Wissens durch eine reale Handlung. Theorie und Praxis werden nicht getrennt, sondern ergänzen einander, wodurch der Lerner sein theoretisches Wissen auf eine tatsächliche Handlung anwendet und andersrum durch seine Handlung ebenso weiteres theoretisches Wissen erschafft.
Beschreibung:
„Praktisches Lernen ist keine Methode im üblichen Sinne. Der Begriff steht vielmehr für ein übergreifendes Anliegen der Öffnung und Weiterentwicklung von Lernen, Unterricht und Schule, die sich ihrer auf Praxis bezogenen Möglichkeiten bewusster werden und die in einem entsprechendem Reformanliegen bestärkt werden sollen.“ (Schweitzer 2006, S. 76). Das Prinzip des Praktischen Lernens hat weitreichende Wurzeln. Traditionell erachtete man es schon immer als sinnvoll, das theoretisch erlernte durch praktisches Handeln zu unterstützen. Jedoch nahm mit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht und der Abschaffung von arbeitenden Kindern der Anteil derer zu, die zwar das theoretische Wissen des Schulunterrichts erlangten, aber die Verbindung zum Alltag ging immer mehr verloren. Der Schwerpunkt auf Geisteswissenschaften in der Schule führte zudem noch zu einer Entwicklung, die den Lernstoff abstrakter gestaltete. Durch die Erziehung der heutigen Zeit kommen die Kinder mit einem begrenzten Erfahrungsschatz bezüglich praktischer Tätigkeiten in die Schule, sodass auch nicht auf solche Erfahrungsfelder zurückgegriffen werden kann. Damit wir noch zusätzlich der Lernerfolg der Theorie geschmälert (vgl. Lersch 1988, S. 781).

Wesentliche Impulse für das Praktische Lernen in Schulen gingen von der Initiative „Lebensbezug der Schule/ Praktisches Lernen“ der Robert Bosch Stiftung in Zusammenarbeit mit der Akademie für Bildungsreform (Förderzeitraum 1983-1998) aus. In einem 1993 veröffentlichten Memorandum weisen sie u.a. auf die Bedeutung des praktischen Lernens für eine zeitgemäße Bildung hin (vgl. Akademie für Bildungsreform/Robert Bosch Stiftung 1993). Mit initiiert wurde das Projekt u.a. durch Prof. Dr. Andreas Flitner, an dessen Lehrstuhl an der Universität Tübingen auch eine übergreifende Arbeitsgruppe („Projektgruppe Praktisches Lernen“) entstand. Auch nach Ablauf der Förderphase wird das Konzept an vielen Schulen und in Regionalverbünden weitergeführt (z.B. Initiative Praktisches Lernen – Bayern oder PLUS e.V. Berlin).

Theorie und Praxis sind bei dem Konzept des Praktischen Lernens keineswegs als gegenteilig oder gar ausschließend zu verstehen. Viel mehr ergänzt das eine das andere. Theoretisches Wissen stützt den Lerner bei seinen Ausführungen in der Praxis, sodass diese effizienter genutzt werden kann. Andererseits verbessert die Erfahrung der Praxis das theoretische Verständnis einer Sache, weil es exemplarisch fungiert, und damit ein theoretisches Konstrukt aus der abstrakten in eine reale Welt bringt. Praktisches Lernen ermöglicht es dem Lerner zuvor scheinbar bekannte Sachverhalte näher zu bringen. So scheinen Tätigkeiten, welche von einem Experten dieser ausgeführt werden, wesentlich simpler als sie es in Wirklichkeit sind. Das eigene Handeln jedoch zeigt auf, welche Schwierigkeiten damit verbunden sein können, die zunächst nicht ersichtlich schienen. Diese Form der Primärerfahrung erlaubt es, einen Lerninhalt vollständiger zu erfahren und ihn damit auch vollständiger zu verstehen (vgl. Projektgruppe Praktisches Lernen 1998).

Praktisches Lernen zählt zu den Merkmalen eines Offenen Unterrichts, in dem die Lerntätigkeit der Schülerinnen und Schüler u.a. darin besteht, dass sie etwas selbst produzieren und so manuelle und geistige Arbeit miteinander verbunden wird (vgl. Heursen 1997). Dabei lassen sich Parallelen zu Georg Kerschensteiners Konzept der Arbeitsschule und reformpädagogischen Ansätzen feststellen. Handlungsorientierung und Lebensweltbezug sind dabei wichtige Prinzipien (vgl. Zimmermann 1998):

„Praktisches Lernen findet dann statt, wenn das Lernen um Erfahrungen erweitert und bereichert wird, die sich mit eigenem Tätigsein und eigener Wirksamkeit des Lernenden verbinden. Tätigkeiten in diesem Sinne sind handwerkliche und technische Arbeiten, Herstellen und künstlerisches Gestalten, soziale Hilfeleistungen; dazu gehören aber auch Prozesse des Experimentierens und anderen Erkundens und Forschens, ökologische und ökonomische Aktivitäten, demokratisches Engagement sowie internationale und interkulturelle Verständigung und Zusammenarbeit, soweit diese mit praktischem Tätigsein verbunden sind“ (Projektgruppe Praktisches Lernen o.J.)

Damit werden im praktischen Lernen vielfältige Tätigkeiten einbezogen: „Spiel; Stricken; Gartenbau; Fiedeln; Holzarbeit; Treiben; Schmieden; Orchester; Elektro; Maschine; Schauspiel; Soziales Handeln“ (Fintelmann, Happelt 1996, zit. nach Peterßen 2001, S. 232) In Abgrenzung zu ganzheitlichen Ansätzen des Lernens (Pestalozzi’s Lernen mit Kopf, Herz und Hand) zielt das praktische Lernen auf ein „Lernen mit Kopf und Hand“ (vgl. Fauser 1983), d.h. es geht um die „Ergänzung eines bloß intellektuellen Kopflernens durch eine körperliche Tätigkeit“ (Peterßen 2001, S. 231).

Im Sinne der Allgemeinbildung erscheint es unverzichtbar, allen Schülern die Möglichkeit zur Entfaltung ihrer Stärken zu lassen. Die praktische Tätigkeit ist dazu dringend erforderlich. Deswegen bieten heute bereits viele Schulen praxisnahe Arbeitsweisen oder ganze Fächer, wie beispielsweise Arbeitslehre an. Durch die Schaffung von primären Erfahrungen der Schüler, können die Schulen einen Lebensbezug herstellen, welcher immer wieder von Schulen und deren Ausbildungsziel verlang wird (vgl. Projektgruppe Praktisches Lernen 1998). Praktisches Lernen wird häufig in Grund- und Hauptschulen oder auch in Sonderschulen eingesetzt. Es lassen sich aber auch vielfältige Ansatzpunkte für die Nutzung dieses Unterrichtkonzepts in anderen Schulformen finden.

Das Konzept des praktischen Lernens ist auch in Bezug zu einer Schulentwicklungsstrategie zu sehen: „Das Praktische Lernen als ein basisorientierter Reformansatz lebt davon, daß Lehrer und Lehrerinnen die Initiative ergreifen und die Handlungsspielräume in der einzelnen Schule kreativ nutzen.“ (Projektgruppe Praktisches Lernen 1998, S. 86).

Interne Verweise:
Exemplarisches Lernen

Freiarbeit

Lehr- und Lernformen

Offener Unterricht

Projektunterricht

Legende:  
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Verwendete Quellen:
Akademie für Lehrerfortbildung Dillingen (Hrsg.): Freies Arbeiten – Reformpädagogische Impulse für Erziehung und Unterricht in Regelschulen. 2. Auflage. Donauwörth: Auer Verlag. 1998.

Fauser, P. (Hrsg.): Lernen mit Kopf und Hand: Berichte und Anstöße zum praktischen Lernen in der Schule. Weinheim: Beltz. 1983.

Heursen, G.: Ungewöhnliche Didaktiken. Hamburg: Bergmann und Helbig. 1997.

Lersch, Rainer: Praktisches Lernen und Bildungsreform. Zur Dialektik von Nähe und Distanz der Schule zum Leben. Zeitschrift für Pädagogik, 34. Jg., 6/1988. S. 781-797.

Projektgruppe Praktisches Lernen (Hrsg.): Bewegte Praxis: praktisches Lernen und Schulreform. Weinheim: Beltz. 1998.

Projektgruppe Praktisches Lernen: Praktisches Lernen. Ergebnisse und Empfehlungen.  http://www.pl-jena.de.

Peterßen, W. H.: Kleines Methoden-Lexikon. 2., aktualisierte Auflage. München: Oldenbourg Schulbuchverlag, 2001.

Schweitzer, F.: Praktisches Lernen. In: Dam, G. & Lachmann, R. (Hrsg.): Methodisches Kompendium für den Religionsunterricht 2. Aufbaukurs. 2. Auflage, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. 2006, S. 76-83.

Weiterführende Literatur:
Fauser, P. (Hrsg.): Lern-Arbeit: Arbeitslehre als praktisches Lernen. Weinheim [u.a.]: Beltz , 1989.

Heller, A.: Praktisches Lernen in der Hauptschule. Baltmannsweiler: Schneider-Verl. Hohengehren. 1999.

Akademie für Bildungsreform/Robert Bosch Stiftung (Hrsg.): Praktisches Lernen. Ergebnisse und Empfehlungen. Ein Memorandum. Weinheim/Basel. 1993.

Beutel, W. & Fauser, P. & Schönig, W. (Hrsg.): Praktisches Lernen und Schulentwicklung. Tagung beispielhafter Modellprojekte des Praktischen Lernens. Jena: Inst. für Erziehungswissenschaft. 1999.

Internetverweise:
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Initiative Praktisches Lernen Bayern

Projektgruppe Praktisches Lernen: Praktisches Lernen. Ergebnisse und Empfehlungen.

Materialien:

Verantwortlich: Rolf Arnold, FB Pädagogik, TU Kaiserslautern und Studierende; Markus Lermen;

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