Konstruktivistische-Systemtheoretische Didaktik

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Kurzdefinition:
Grundlegend wird im Konstruktivismus angenommen, dass der Wahrnehmungsprozess keine Realität abbildet, sondern vielmehr der Mensch sich eine relative und subjektive Wirklichkeit schafft. Eine konstruktivistisch orientierte Didaktik geht daher davon aus, dass Wissen auf der Wirklichkeits- und Sinnkonstruktion jedes einzelnen Lernerindividuums basiert. Kooperation, Kommunikation und Interaktion dienen der Problemdefinition und Problemlösung, wobei der Sinnaushandlung und Sinndeutung im Unterricht eine große Rolle zukommt.
Beschreibung:
Eine Subjektorientierung wird mit der Autonomie des Lernenden durch dessen operative Geschlossenheit und der Selbstreferenzialität begründet. Die didaktischen Bemühungen laufen darauf hinaus Fremdbestimmungsansprüche zurückzunehmen wie z.B. in der Ermöglichungsdidaktik (Arnold 2001).

Die konstruktivistische Perspektive verweist auf das Problem der Strukturdeterminiertheit des Lernenden, d.h. dass er nur mit seinen eigenen kognitiven Zuständen selbstreferenziell interagieren kann (vgl. Gudjons1999, S. 47). Insbesondere ist hier aber das Postulat des Selbstgesteuerten Lernens problematisch, da insbesondere die Auseinandersetzung mit Unbekannten und schwierigen Inhalten vermieden werden können. Gerade dann, wenn sich der Lernende dabei dem Konfrontations- und Verunsicherungsprozess entzieht. (vgl. Tietgens 1983, S. 223 zitiert nach Schüßler 2005, S. 88).

Durch die Annahme der operativen Geschlossenheit kognitiver Prozesse entsteht die Frage nach dem Lehrerfolg: Lernen wird hier häufig als abhängige Variable des Lehrens verstanden. Jedoch kann im Sinne einer didaktischen Theoriebildung ein Lehrender nicht erkennen, ob das Lernergebnis ein Produkt seiner eigenen Bemühungen, d.h. der Lehrintervention ist bzw. wie der Transfer aussehen wird. Die „Illusion des Faktischen“, bei der Lehrende eine objektive Wirklichkeit als vermittelbar unterstellen (Arnold & Kempke 1998, S. 261), ist damit zu unterstreichen. Sie wirft sogar die Illusion des Didaktischen auf, bei der simple Konstruktionsprinzipien – didaktische Prinzipien – Lernerfolg sicherstellen sollen.

Konstruktivistische Argumente und Methoden sind:

  • respektvolles Anerkennen,
  • Heterogenität der Schüler und individuelle Förderung,
  • kooperatives Lernen in Gruppen,
  • Bedeutung der Beziehungsebenen beim Lehren,
  • praktisches Lernen,
  • Wechselverhältnis von Lernen und Handeln,
  • Eigenverantwortung der Lerner,
  • der Lehrer von Lehrenden zum Lernberater,
  • selbstständiges Lernen,
  • entdeckendes Lernen,
  • erfahrungs- und handlungsorientiertes Lernen.

Lernen findet hier durch eine strukturelle Kopplung mit der Umwelt statt, wobei Wissen über die Umwelt als soziale und kognitive Konstruktion verstanden wird. Der Intersubjektive Austausch ermöglicht einen konsensuellen Bereich, sozial akzeptierter Wirklichkeiten. Ein Verstehen, durch eine inhaltlich-thematische Vermittlung, kann so, aufgrund der Selbstreferenzialität nicht möglich sein. Eine Vermittlungsdidaktik ist somit lerntheoretisch nicht möglich. Damit wird zwar in der Subjektorientierung für den Eigensinn des lernenden Subjekts sensibilisiert, für das zentrale Problem der Vermittlung werden jedoch keine Handlungsoptionen angeboten. Dies lässt sich damit begründen, dass die Debatte zum Thema überwiegend lernpsychologisch mit dem Verweis auf Lerntheorien geführt wird. Aber ein Bezug zur Lehrtheorie fehlt. Empfohlen wird daher eine Prozessorientierung für die Didaktik, für die begründete Auswahl und Bearbeitung von Inhalten als konsensueller Dialog (vgl. Tietgens 1992, S. 165 zitiert nach Schüssler 2004, S. 92).

Interne Verweise:
Ermöglichungsdidaktik

Genetisches Lehren und Lernen

Konstruktivismus

Subjektive Didaktik

Legende:  
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Verwendete Quellen:
Arnold, R.: Ermöglichungsdidaktik. In: Arnold, R.; Nolda, S. & Nuissl, E. (Hrsg.): Wörterbuch Erwachsenenpädagogik. Bad Heilbrunn: Klinkhardt. 2001, S. 84- 85

Arnold, R. & Kempkes, H.-G.: Praktisches des Konstruktivismus. In: Hessische Blätter für Volksbildung, H. 3, 1998, S. 259–274.

Schüßler, I.: Paradoxien einer konstruktivistischen Didaktik Zur Problematik der Übertragung konstruktivistischer Erkenntnisse in didaktische Handlungsmodelle – theoretische und praktische Reflexionen. In: Dewe, B.; Wiesner, G. & Zeuner, C. (Hrsg.): Theoretische Grundlagen und Perspektiven der Erwachsenenbildung. Report 1/2005.

Weiterführende Literatur:
Arnold, R. & Schüßler, I.: Ermöglichungsdidaktik – Erwachsenenpädagogische Grundlagen und Erfahrungen. Baltmannsweiler: Schneider Verlag. 2003.

Diesbergen, C.: Radikal-konstruktivistische Pädagogik als problematische Konstruktion. Bern: Euler. 2000.

Kade, J.: Vermittelbar/nicht-vermittelbar: Vermitteln: Aneignen. Im Prozess der Systembildung des Pädagogischen. In: Lenzen, D. & Luhmann, N. (Hrsg.): Bildung und Weiterbildung im Erziehungssystem. Frankfurt a.M.: Suhrkampp. 1997, S. 30–70.

Reich, K.: Konstruktivistische Didaktik. Lehren und Lernen aus interaktionistischer Sicht. Neuwied: Luchterhand. 2002.

Internetverweise:
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Kuhl, André M. – Soll die Didaktik konstruktivistisch werden?

Systemisch-konstruktivistische Didaktik – Eine allgemeine Zielbestimmung (Kersten Reich)

Schüßler, I.: Paradoxien einer konstruktivistischen Didaktik Zur Problematik der Übertragung konstruktivistischer Erkenntnisse in didaktische Handlungsmodelle – theoretische und praktische Reflexionen

Unterrichtsmethoden im konstruktiven und systemischen Methodenpool

Materialien:

Verantwortlich: Rolf Arnold, FB Pädagogik, TU Kaiserslautern und Thomas Prescher;

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